Mein Job in der stationäre Jugendhilfe und das Einbauen von Achtsamkeitsritualen

Hey,

Wie schön, dass Du meinen Blog liest und dir Anregungen zum Thema Achtsamkeit für und mit Kindern holen möchtest.


Heute möchte ich dir von meinen Erfahrungen in meinem Job erzählen. Ich habe ja gerade erst (im Februar) mein Studium zur Sozialpädagogin abgeschlossen und direkt im Anschluss einen Job in der stationären Jugendhilfe gestartet. Es ist sehr herausfordernd, aber auch super spannend. Ich arbeite in einer Wohngruppe mit sieben Mädels, die alle keine einfache Kindheit hatten und die auf Unterstützung in ihrem Alltag angewiesen sind.

Diese Kinder sind noch mal eine ganz andere Zielgruppe, als die Jungen und Mädchen aus der Grundschule, in der ich zuvor 3 Jahre gearbeitet habe.

Die Mädels sind wirklich so lieb, aber der Alltag mit ihnen kann auch anstrengend sein. Um den bestmöglichen Kontakt zu ihnen zu haben und auch eine Beziehung zu ihnen aufbauen zu können, arbeiten meine Kolleginnen und ich in 24-Stunden Schichten. Das heißt ich fange Mittags immer mit meinem Dienst an und der geht dann bis zum nächsten Tag mittags. Auch die Nächte verbringen wir in der Gruppe.

Dieses Schichtmodell war für mich am Anfang eine ganz klare Herausforderung. Meine Nächte waren unruhig und ich werde jetzt immer noch bei jedem kleinsten Luftzug wach. An sich ist das ja etwas Gutes, so bin ich im Notfall sofort ansprechbar, aber dementsprechend sind meine Nächte alles andere als erholsam.


In meinen Diensten versuche ich deswegen mit den Kindern kleine Achtsamkeitsrituale einzubauen. Diese sollen zum Einen natürlich den Mädels das Thema Achtsamkeit näher bringen, zum Anderen ist es für mich auch eine Möglichkeit kurz durchzuatmen. Am Anfang konnten sich die Kinder nur schlecht oder wenig auf die Übungen einlassen, aber es wird von mal zu mal besser. Mittlerweile fordern sie diese kleinen "Achtsamkeitsrunden" sogar ein und erinnern mich daran.


Wenn meine Schicht beginnt, wird als Erstes immer zusammen Mittag gegessen. Bevor sich dann alle ihre Portionen auf den Teller klatschen und der Fressneid Form annimmt, versuche ich die Mädels vorher etwas herunter zu holen. Wir halten dann für eine Minute inne, schließen unsere Augen, versuchen das Essen zu riechen und konzentrieren uns ein paar Augenblicke nur auf uns selbst. Zum Beispiel frage ich die Mädels, ob sie ihren Bauch knurren hören, Geräusche, die aus dem Garten kommen oder ob sie ihre Atmung wahrnehmen können. Diese kleine Übung zeigte nach ein paar Malen schon die ersten Wirkungen, denn es war nicht so laut und wild beim Essen wie sonst. Und auch die Kinder untereinander erinnern sich beim Essen an Ruhe und nicht so zu schlingen, sondern mit Verstand zu essen.


Zusätzlich mache ich in jedem Dienst eine kleine Achtsamkeitsübung. Zum Beispiel spiele ich mit ihnen das Spiel "Findebär" (Werbung wegen Namennennung, erhältlich auf Amazon). Es geht darum zu den Anregungen auf den Karten etwas in der Umgebung zu finden. Zum Beispiel "Etwas Schwarzes"oder "Etwas lichtdurchlässiges" usw. (siehe Bild).

Das Schöne ist, dass die Karten immer und überall angewandt werden können. Sobald man z.B. den Raum wechselt verändert sich die Umgebung und es müssen neue Gegenstände gefunden werden. Wichtig ist, dass es Gegenstände oder Objekte sein müssen, die auch genau in diesem Augenblick zu sehen sind und nichts Ausgedachtes. Durch diese Übung wird die Aufmerksam auf das "Hier und Jetzt" gelenkt und dadurch Achtsamkeit kultiviert.

Selbst die älteren Mädchen meiner Gruppe (15 Jahre alt) haben Spaß an dieser Übung und suchen fleißig mit. Sie helfen auch den Jüngeren beim Suchen, wodurch das Gruppengefühl gestärkt wird. Ein schöner Nebeneffekt wie ich finde, denn die Situation für Einige aus der Gruppe ist nicht einfach und auch der Kontakt untereinander ist von vielen Auseinandersetzungen und Diskussionen geprägt.


Beim Frühstück in der Gruppe, kurz bevor meine Schicht zu Ende geht,frage ich die Mädels immer, was sie sich für kleine erreichbare Ziele für den Tag stecken. Wichtig ist mir, dass sie die Ziele selbst formulieren und nur eins nennen. Denn ein Ziel zu erreichen kann schon schwer genug sein. Außerdem kann es auch etwas ganz lapidares sein, wie zum Beispiel einen Brief zu schreiben, nach Draußen in den Garten zu gehen oder einfach ein Bild zu malen. Mir ist es bei dieser Übung wichtig, dass sie etwas wirklich Erreichbares formulieren und das dann auch schaffen können. Es bringt rein gar nichts, sich fünf Ziele zu setzten und dann alle nur halb zu erreichen. Außerdem ist es ein wichtiger Prozess, zu erkennen, dass man ein Ziel, was man sich selbst gesteckt hat auch erreichen kann. Es ist gleichzeitig eine Form der Ressourcenstärkung, denn die Kinder sollen ein Ziel nehmen, dass in Zusammenhang mit dem steht, was sie gut können.

Diese kleine "Achtsamkeitsrunde" ist zu einem festen Bestandteil meiner Dienste geworden und die Kinder fordern sie jeden Morgen ein.

Ein tolles Gefühl, dass ich ihnen ein Ritual geschaffen habe, dass ihnen selbst ein besseres Gefühl gibt und auf das sie sich, trotzt ihrer persönlichen Schwierigkeiten, einlassen können.


Natürlich sind diese "Achtsamkeitsrunden" nicht nur in der stationäre Jugendhilfe anwendbar, sondern für jeden, jeglichen Alters, Geschlecht oder Herkunft. Vielleicht machst du ja schon genau so etwas oder dir fällt eine Abwandlung ein, die zu Dir und deiner Familie passt?

Probier es einfach aus. Und wenn du magst, kannst du mir gerne davon berichten oder auch einen Kommentar da lassen.


Bleib gesund und einen schönen Tag.

Ganz liebe Grüße

Jacky



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